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Bewusstseinsveränderung und Sucht 07.10.2007
  Gedanken über den Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen und Sucht

 

Bewusstseinsveränderung und Sucht



Eine Zen Geschichte

„Einst kam ein Zen Priester nach Hangchow. Er lebte dort und baute ein verfallenes Zen Kloster wieder auf. Da auch die Tuschmalerei zu seinen Künsten gehörte, versuchte er durch rasch hingeworfene Spritzer die Augenblicke der Ekstase mit der Tusche einzufangen und hielt die flüchtigen Visionen fest, die ihm im Rausch des Weines, in der Betäubung des Tees oder der Leere der Erschöpfung zuteil wurden.

Chen Jung war bekannt wegen seiner einfachen Lebensweise und seiner Tüchtigkeit, mit der er seine Pflichten als Beamter erfüllte. Er erregte Bewunderung, weil er, wenn er des Weines voll war, Wolken schuf, indem er Tusche auf seine Blätter spritzte, und Nebel, indem er Wasser ausspie. In besonderen Momenten stieß er einen mächtigen Schrei aus, ergriff seinen Hut anstelle des Pinsels und schmierte damit seine Zeichnung in groben Zügen hin. Danach beendete er die Arbeit mit einem Pinsel.

Einer der bedeutendsten Maler aber war Wang Hsia. Er schuf Großes, wenn er betrunken war, indem er seinen Kopf in einen Eimer mit Tusche tauchte und ihn über ein Tuch aus Seide schwenkte. Wie durch Zauberei erschienen darauf Seen, Bäume und verwunschene Berge.“



Vermutlich fällt es uns als westliche Menschen nicht leicht, in dieser kleinen, von mir leicht gekürzten und veränderten Zen Geschichte aus dem 13. Jahrhundert einen Sinn zu entdecken. Ich fand sie in dem Buch: „Der Lauf des Wassers“ von Alan Watts. Etwas an dieser Geschichte sprach mich an und inspirierte mich, endlich meine Gedanken bezüglich Sucht und bewusstseinsverändernde Substanzen zu Papier zu bringen. Dieser Text ist ein Versuch und ein Angebot, in den Geschehnissen unserer Zeit, wie in allen Zeiten, auch in Bezug auf Sucht und dem Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen, einen Sinn zu entdecken. Sucht hat mit dem Wort „Suche“ zu tun und bezeichnet das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Die Frage ist deshalb: wonach suchen wir eigentlich?

Es mag uns zuerst schwer fallen, in den Tätigkeiten, die mit dem Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen einhergehen, eine Kunst zu entdecken. Eher merkwürdig mutet es uns an, dass solche Menschen, die Substanzen benutzen, um ihr Bewusstsein zu verändern, als Künstler betrachtet und ihre Kunst als wertvoll für andere beschrieben wird. Interessant an dieser Stelle mag der Gedanke sein, dass auch in unserer Kultur einige Menschen, insbesondere Künstler, bewusstseinsverändernde Substanzen benutzten um in Bereiche ihres Geistes vorzudringen, aus denen sie ihre Kunst schöpften. Diese Kunst spricht uns Menschen auf besondere Art an. Wir können häufig nicht sagen, was es ist. In der Betrachtung dieser Werke, sei es Malerei oder Bildhauerkunst, oder noch anderes, fühlen wir uns angesprochen, fühlen wir uns vielleicht erinnert an etwas, was auch wir in uns tragen. Innerhalb der Gesellschaft wird hierüber eigentlich nicht gesprochen. Darüber, dass es viele Beispiele gibt von Künstlern, die ihre Kunst schöpfen, mit Hilfe bewusstseinsverändernder Substanzen. Wir sehen es nicht gerne und im Allgemeinen verurteilen wir es. Ähnlich wie es uns geht, wenn wir Menschen sehen, die entweder dauerhaft oder vorübergehend in anderen Ebenen des Geistes verweilen, die mit sich selbst oder mit einer Person oder einer Wesenheit kommunizieren, die wir nicht sehen können. Wir bedauern sie einerseits und andererseits scheuen wir uns, mit ihnen in Kontakt zu sein. Wir umkleiden unseren Widerwillen, unseren Alltag mit diesen Menschen zu teilen, mit dem Mäntelchen der Hilfe, dass wir diese Menschen ja vor sich selbst schützen müssten, dass sie Hilfe bräuchten und rechtfertigen damit, sie in Heimen unterzubringen, sie wegzusperren und es anderen zu überlassen, professionellen Helfern, sich mit ihnen zu beschäftigen. Da wir nur einen relativ kleinen Bereich unserer eigentlichen Wahrnehmungsfähigkeit für die Realität nehmen, sind alle Menschen, die sich in anderen Bereichen der Wahrnehmung befinden, sei es nun substanzinduziert, also durch die Einnahme von Substanzen hervorgerufen, oder durch andere Umstände, störende Erinnerung daran. Ähnlich dem beleuchteten Bereich eines Bühnenscheinwerfers, halten wir nur den hellen, im Fokus liegenden Bereich für wahr, den ganzen Rest des Theaters, die restliche Bühne und weit über das Theater hinaus die umliegende Umgebung, all das „realisieren“ wir nicht, halten wir für nicht-wahr und für „eingebildet“. Es ist wie eine „Übereinkunft“ die wir Menschen innerhalb der Gesellschaft getroffen haben, in gewissen Bereichen mit kulturellen Unterschieden, über das, was Wirklichkeit ist und was nicht. Wie ein Konsens, etwas, worüber nicht mehr gesprochen werden muss, da es „allgemeine“ Gültigkeit hat. Diese bestimmte und begrenzte Form der Realität wird in der Prozessarbeit als Konsensusrealität bezeichnet.


Der Montagepunkt

In schamanischen Kulturen ist der Begriff Konsensusrealität ein Synonym für den Begriff Montagepunkt. Auch dieser Begriff benennt, dass die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit weit über das allgemein Bekannte hinausreicht. Dieser Teil der alltäglichen Wirklichkeit wird von den Schamanen als das Tonal bezeichnet. Das Tonal ist die Ergänzung des Begriffes Nagual, welches die eigentliche Wirklichkeit und Ganzheit bezeichnet, den Bereich, den die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit wirklich umfasst, weit über das Bekannte, über das Beleuchtete hinaus. Das Tonal ist nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit… Es ist, als wenn wir Menschen innerhalb eines bestimmten Bereiches unserer Wahrnehmungsfähigkeit „montiert“ wären. Der Yaqui Schamane und Medizinmann Don Juan Matus erklärt es mit den Worten, als das Menschen, die in der Lage sind den Energiekörper eines Menschen wahrzunehmen, tatsächlich sehen können, das wir mit dem Montagepunkt nur einen kleinen Teil der „Fasern“, mit denen wir mit dem uns Umgebenden in Kontakt stehen, herausgreifen und umfassen. Eine schier unendliche Vielzahl von Fasern beschreibt die Vielzahl von Wahrnehmungsmöglichkeiten und nur ein kleiner Teil wird herausgegriffen und definiert unseren Kontakt zur Wirklichkeit.

Schamanen sprechen seit jeher von der Möglichkeit, diesen Montagepunkt zu „verschieben“ und somit andere Bereiche der Wirklichkeit in unsere Wahrnehmung mit einzubeziehen. Die alten Zauberer unterschieden zwei Arten von Verschieben des Montagepunktes. Zum einen eine Verschiebung innerhalb des menschlichen Wahrnehmungsbandes in irgendeine andere Position an der Oberfläche oder im Inneren unseres Energiekörpers und zum anderen eine Verschiebung in den Bereich außerhalb des menschlichen Energiekörpers. Der Unterschied liegt in der Natur der Wahrnehmung. Weil es sich bei Verlagerungen des Montagepunktes um Verschiebungen innerhalb unseres Energiekörpers handelt, sind die dadurch erzeugten Welten und Wahrnehmungsebenen, wie bizarr oder wunderlich oder unglaublich sie auch sein mögen, gleichwohl Welten, die im Bereich des Menschlichen liegen. Der Bereich des Menschlichen meint hier den Bereich der menschlichen Verstehensmöglichkeiten, und benennt die Energiefasern, die durch unseren Energiekörper hindurchgehen. Das Verschieben nach außerhalb unseres Energiekörpers, aktiviert Energiefasern von jenseits des menschlichen Bereichs. Solche Fasern wahrzunehmen, so sagen die Schamanen, erzeuge Welten, die völlig unvorstellbar sind - unbegreifliche Welten, ohne jede Spur menschlicher Präzedenz.

Die Schulung der Schamanen beläuft sich unter anderem auf das Verschieben des Montagepunktes und das Wissen, die Mittel und Möglichkeiten, dies zu bewerkstelligen. Aus ihrer Sicht bezieht sich Entwicklung des Menschen einerseits auf die stetige und natürliche Erweiterung dieser engen Wahrnehmungsgrenzen durch das Leben und die Geschehnisse selbst und anderseits auch auf das Wissen dieser Menschen, dies durch Techniken der inneren Arbeit zu bewirken. Sei es durch bestimmte Formen der Meditation, die zur Zusammensetzung anderer Wahrnehmungsbänder führt, als auch dass in vielen Kulturen auch Substanzen dazu dienen, diese Grenzen zu erweitern und zur Initiation, zur Einweihung, in Ritualen verwendet werden. Aus diesem Blickwinkel wird deutlich, dass es nicht die Wahrnehmungsfähigkeit eines Menschen ist, welches seine Realität definiert, sondern sein für wahr halten. Hier wird deutlich, dass wir unseren Bereich der Realität selbst definieren.


Die Reise ins unbekannte Land

Da dies also, wie wir nun wissen, ein uralter Vorgang ist, der seit Anbeginn der Reise des Menschengeschlechtes durch die Welt seines Bewusstseins eine Bedeutung hat, betrachten wir nun für eine Zeit die Möglichkeit, durch Substanzen unsere Wahrnehmungsebenen zu verändern. Und gehen wir auf die Suche, wo wir heute in der Gesellschaft dieses Wissen unserer Natur wieder finden.

Aus dem Vorangegangenen wird deutlich, wie wir selbst den Bereich unserer Wahrnehmung begrenzen und dies innerhalb der Gesellschaft etabliert ist und von Generation zu Generation getragen wird. Wir sind es also gewohnt, nur einen kleinen, begrenzten Teil unserer Wahrnehmungsfähigkeit als real und als wirklich anzuerkennen und andere Ebenen des Bewusstseins, wie Tagträume, Nachtträume und Visionen oder eben auch substanzinduzierte andere Bewusstseinszustände als irreal, als nicht wirklich und gar als gefährlich anzusehen. Und innerhalb unserer modernen Gesellschaft findet der Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen nur in Randbereichen statt und wird im Allgemeinen vom Mainstream, von den Menschen, die scheinbar wissen, was gut ist und was nicht und wohin eine Entwicklung zu gehen hat, verurteilt. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es in der Gesellschaft noch Unterscheidungen gibt zwischen „legalen Drogen“ und „illegalen“, womit gemeint ist, dass es welche gibt, die gesellschaftlich etabliert sind, wie Alkohol, Tabak, Kaffee und Tee und andere, wie zum Beispiel Haschisch, LSD und eine Reihe von „Modedrogen“, wie zum Beispiel Ecstasy (MDMA), die es eben nicht sind.

Im Allgemeinen stößt man auch auf völliges Unverständnis, wenn Substanzen wie Nikotin oder Alkohol als Drogen bezeichnet werden, obwohl deren bewusstseinsveränderndes Potential enorm ist. Es ist ein Gewöhnungsprozess, der auf der einen Seite dazu führt, selbst als Konsument solcher Substanzen die Auswirkungen eben dieser Substanz auf den Organismus und auf die Psyche nicht mehr oder nur noch aus einer bestimmten Perspektive wahrzunehmen, und auf der anderen Seite dient der gewohnheitsmäßige Gebrauch von einer solchen Vielzahl von Menschen auch als Zeichen der Normalität, so als wenn es etwas ganz normales wäre, eine halbe oder gar eine ganze Schachtel Zigaretten am Tag zu rauchen oder Alkohol zu Anlässen zu konsumieren, auf denen es um Kontakt geht, wie zum Beispiel auf Partys oder anderen gesellschaftlichen Anlässen. Selbst der übermäßige Gebrauch dieser gesellschaftlich akzeptierten und in Mengen konsumierten Substanzen fällt nicht wesentlich auf, solange der Mensch seine Rolle innerhalb der Gesellschaft zumindest oberflächlich betrachtet, das heißt in der Öffentlichkeit, noch einnehmen kann.

Es kommt aber immer wieder vor, dass Menschen eben diese Fähigkeit verlieren und dass bei übermäßigem Gebrauch (manchmal sind es aber auch nur erstaunlich geringe Mengen, die dies bewirken) nachhaltige Veränderungen der Psyche und des Körpers zu beobachten sind. Dann allerdings gelten diese Menschen als Problemfälle und es ist eine Tendenz der Gesellschaft zu beobachten, diese Menschen zu marginalisieren, sie zu verleugnen und sie somit ihrem Schicksal zu überlassen. Selbst die Versuche der verschiedenen Organisationen sich dieser Menschen anzunehmen soll uns an dieser Stelle nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gros der Gesellschaft, der Mainstream mit diesen „Fällen“ nichts zu tun haben möchte. Aus dem Blickwinkel der Gesellschaft sind diese Menschen jetzt „krank“ und scheinen in ihrer Unfähigkeit oder in ihrem Widerwillen sich von der Substanz zu lösen eine Spiegelfunktion für die Gesellschaft zu übernehmen, die es den Menschen „innerhalb“ der Gesellschaft nicht eben angenehm macht, weiterhin mit diesen „außerhalb“ der Gesellschaft befindlichen Menschen Kontakt zu pflegen. Auch der größte Teil von Organisationen, die sich mit Menschen, die ein Suchtverhalten zeigen beschäftigen, pathologisieren diese Menschen, sehen sie als krank an, und wollen diese Menschen heilen. Wir werden später noch sehen, was dieses Verhalten, dieses „es bei dem anderen lassen“, bewirkt.

Schon in diesen Unterscheidungen zwischen dem was innerhalb der Gesellschaft etabliert ist und dem was nicht etabliert ist und verurteilt und geächtet wird, zeigt sich die Haltung und der Umgang des westlichen Menschen mit sich und seiner Umwelt. Wir selektieren und grenzen aus, bewerten in gut und schlecht und erfahren uns als Menschen im Leben als vom Übrigen getrennt und ständig auf der Hut, dass nichts unkontrolliertes geschieht, in uns selbst, wie außerhalb von uns, was mir als Mensch die „Macht des Schicksals“ vor Augen führt. Seien es nun Krankheiten und Unfälle oder eben Menschenschicksale, die uns zeigen, dass auch unser Geist nicht zu kontrollieren ist. Vielleicht geht hiermit auch die Angst einher, sich solchen Substanzen zu überlassen, deren Potential es ist, uns die Unkontrollierbarkeit des Lebens direkt vor Augen zu führen. Obwohl es ambivalent ist: einerseits suchen wir zeitweilig den Verlust von Kontrolle und andererseits fürchten wir eben genau dies. Wenn schon Kontrollverlust, dann bitteschön kontrolliert…


Sprechende Pilze

In anderen Kulturen wurde zumindest in der Vergangenheit anders mit Menschen umgegangen, die in anderen Regionen des Geistes verweilen. „Geisteskranke“, Menschen die „in Zungen“ sprechen, wurden zum Beispiel in der indischen Kultur seit jeher als „heilig“ angesehen. Diese Menschen waren dort Teil der Gesellschaft und ihre Wahrnehmung, das was sie sahen oder das worüber sie sprachen hatte dort einen Stellenwert. Und schamanische Kulturen haben sich selbst stets über andere Bewusstseinsebenen definiert und die darin gemachten Erfahrungen als transzendente Realität beschrieben. Obwohl wir westliche Menschen diese animistischen Kulturen häufig als „primitiv" ansehen und der Glaube dieser Menschen und ihre Rituale von uns als „Budenzauber“ bezeichnet werden, erkennen sich diese Menschen, ganz im Gegensatz zu uns, nicht als verschieden von ihrer Umgebung und führen oft ihre tiefste Weisheit auf Einsichten zurück, zu denen ihnen der Gebrauch bewusstseinsverändernder Substanzen verholfen hat. Im Schamanismus wusste man schon immer, dass die Natur nicht der Feind ist, dass Natur nicht erobert und kontrolliert werden muss, sondern dass die Menschen selbst Natur sind und dass es innerhalb dieses Gesamtgefüges „Mensch – Umwelt“ einen Austausch gibt. Auf dem Weg, die Natur zu verstehen oder ihre Zeichen zu lesen, wurden seit jeher und werden auch heute noch in diesen Kulturen, bewusstseinsverändernde Substanzen verwendet und mit großem Respekt als Verbündete und mächtige Helfer bezeichnet. Es gibt heute noch in den USA ungefähr 50 Stämme mit bis zu 300000 Stammesmitgliedern von Natives, also der amerikanischen Ureinwohner, die „erlaubterweise“ * während ihres Gottesdienstes Peyote (Lophophora williamsii) zu sich nehmen, das sind Meskalinhaltige, stark psychoaktiv wirkende Kakteen, die schon in präkolumbischer Zeit im Gebiet des heutigen Mexiko von den Azteken für den Kontakt und die Kommunikation mit den „Geistern“ verwendet wurden.

In den schamanischen Kulturen, wie zum Beispiel den Yaqui Indianern Mexikos, die neben dem Peyote auch eine bestimmte Pilzart (Psilocybe cubensis) in ihren Ritualen zu sich nehmen, wird gesagt, dass die Pilze selbst sprechen. Fragt man einen Schamanen, wo seine Einsichten für eine Heilung herstammen, dann wird er wahrscheinlich antworten: „Nicht von mir kommt das Wissen, sondern der Pilz hat zu mir gesprochen“. Wir werden vermutlich sagen: kein Pilz kann sprechen, nur Menschen sprechen. Aber vielleicht können wir es so verstehen, dass dem, der die Pilze isst, die Gabe verliehen wird, auf eine Art inspiriert zu sprechen, etwas mitzuteilen, als würde es einem selbst mitgeteilt, während man es ausspricht. Wir kennen solche Momente, wenn uns Worte ganz von selbst in den Sinn kommen, eines nach dem anderen, ohne dass man danach suchen müsste. Für den Schamanen ist es so, als ob sich in diesen Momenten die Existenz selbst durch ihn ausdrücken würde.

Mit meinen Beschreibungen möchte ich hier keineswegs dem Gebrauch von Bewusstseinsverändernden Substanzen Tür und Tor öffnen. Der leichtgläubige oder der Unterhaltung dienende Gebrauch psychedelischer Substanzen lässt einen mit Sicherheit weder zum Schamanen noch zum Heiligen werden. Wäre dies der Fall, dann wäre die westliche Welt in den siebziger und achtziger Jahren, während der Jahre der „Flower- Power“ Zeit, die an der amerikanischen Westküste ihren Anfang nahm, von Schamanen und Heiligen überrannt worden. Ganz im Gegenteil wird auch in den schamanischen Kulturen vor dem leichtfertigen Umgang mit diesen mächtigen Verbündeten gewarnt. In der Tat werden die erreichbaren Ebenen und die nach ihrer Sicht darin befindlichen Wesenheiten als äußerst real beschrieben. Es sind mystisch lehrende Entitäten (Wesenheiten), die in nächster Nähe zu unserer eigenen Dimension existieren.

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* Man führe sich diese Ironie vor Augen: Ein Volk, welches gerade einmal 500 Jahre ein Land bewohnt und es als Eroberer mit Blut und Gewalt den Einheimischen Menschen entrissen hat, erlaubt den Natives, also den ursprünglichen Menschen dieses Landes, ihre Jahrtausende alte Tradition weiter fortzuführen…
Die Grenzen zwischen diesen Dimensionen sind nicht statisch, sondern teilweise recht filigran und fließend und sei der normale westliche Mensch auch noch so bestrebt, den Kontakt zu diesen anderen Dimensionen zu vermeiden.

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Die Vorstellung von belebten Wesenheiten „in“ halluzinogenen Pflanzen, oder dass diese Pflanzen mächtige Wesenheiten beheimaten, kommt in allen schamanischen Gemeinschaften vor. Zum Beispiel nannten die Azteken schon vor Ankunft der Spanier die Psilocybe Pilze „Teonanacatl“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Fleisch Gottes“ und uns vielleicht an Reste der mythischen Wurzeln des christlichen Abendmahl Rituals erinnert. Der Schamane kann sich an diese Mächte wenden, um Rat für Heilung zu erhalten und um seine Gemeinschaft zu schützen. Diese Verbündete, diese spirituellen Kräfte werden als sehr kraftvoll und mächtig angesehen. Der Schamane sieht diese Wesenheiten weniger als Mächte, die man kontrollieren kann, sondern erlebt sie, befragt sie und kommuniziert mit ihnen. Innerhalb unserer Kultur haben die meisten westlichen Menschen diese Ansichten mit Hochmut betrachtet und solche Weltsicht als „naiv" bezeichnet. Auf Grund der modernen Forschungen müssen wir jedoch heute mehr den je anerkennen, dass bei weitem noch nicht alles über die Natur des menschlichen Bewusstseins oder das Leben an sich bekannt ist. Tatsächlich, und das zeigt auch die moderne Forschung, ist das menschliche Bewusstsein ein Mysterium von solcher Größe, dass es uns gut zu Gesicht stünde, zuzugeben, dass wir im Grunde nichts über dieses Thema wissen!


Auch in unserer Kultur

Aber auch in unserer Kultur bedeutete einigen Menschen der Kontakt zu Wesenheiten, die zu uns sprechen sehr viel. Obwohl sie innerhalb der Gesellschaft dafür verurteilt wurden, gab es immer wieder Menschen, auch in der westlichen Welt, die sich offen zu diesem Kontakt bekannten. Nicht immer waren hier bewusstseinsverändernde Substanzen im Spiel (zumindest nicht zugegebenermaßen), aber alleine das Bekennen, über das normale Maß an Etabliertheit hinaus, Bereiche der Wahrnehmung aufzusuchen und darüber zu sprechen, führte zur ihrer Be- bzw. Verurteilung. Wenn Menschen dieses widerfuhr und sie das Bedürfnis verspürten andere Menschen von ihrem Erleben zu berichten, kam es häufig zu Schwierigkeiten.

So geschah es zum Beispiel C.G. Jung. Wie an anderer Stelle ein wenig ausführlicher beschrieben, drang er zu einer Zeit seines Lebens immer tiefer in die verborgenen Bereiche seines oder eigentlich präziser formuliert: des Geistes ein. Er begann hier nämlich einen Bereich seines/des Geistes zu entdecken, den er später das „kollektive Unbewusste“ nannte. Er sprach von Wesenheiten und Geistern zu denen er Kontakt hatte. Er „empfing“, wie er später schrieb, binnen dreier Nächte eine vollständige Kosmologie des Universums. Er beschrieb, dass der menschliche Geist weit über das persönliche Unbewusste hinaus ergründet werden kann. Er sprach von einer reichen Ordnung, von symmetrischen Mustern und sprach davon, dass man darüber hinaus zu einem gemeinsamen Grund kommen kann, auf dem Materie und Geist entstehen… Er entdeckte im Späteren, dass dieser Bereich der ganzen Menschheit eigen ist und fand dies beschrieben in einer Vielzahl von Berichten, Erzählungen und Überlieferungen aus aller Welt, und auch in Symbolen ausgedrückt, die überall in der Welt und aus allen Zeitepochen zu finden sind.

Eine weit reichende Geschichte der Entdeckung des kollektiven Geistes C.G. Jungs ist aus der Zeit seiner Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik bekannt. Er begegnete dort der merkwürdigen Phantasie eines Patienten, der am Fenster stand, in die Sonne schaute und seinen Kopf hin und her bewegte. Auf Nachfragen teilte dieser Patient mit, das er mit der Bewegung seines Kopfes der Ursprung des Windes sei. Jahre später entdeckte
C.G. Jung während seiner mythologischen Studien ein Manuskript, in dem von einem griechischen Papyrus der alexandrinischen Mysterienschule die Rede war, in dem die Anrufung des Sonnengkönig Mithras beschrieben wird, der der Ursprung des Windes ist. Dieser Patient erfuhr in früher Jugend diese Verschiebung seiner Wahrnehmungsebenen und nach Recherchen C.G. Jungs konnte er unmöglich ein bewusstes Wissen über dieses Ritual und die Anrufung des Sonnenkönigs Mithras haben.

Tendenziell ist alles was über den Konsens der Gesellschaft hinausgeht, was Realität ist, unsagbar, nicht gewollt, nicht real und nicht „wahr“. Es ist sogar so, dass es sprachlich schwierig ist, für Dinge die außerhalb der Konsensusrealität existieren, Worte zu finden, die nicht mit „Negierungen“ arbeiten.

Es scheint, als hätten wir innerhalb unserer Gesellschaft keinen Raum für derartige Erfahrungen. Aber unsere Angst und der Versuch, die Reste mythologischen Denkens im modernen Menschen zu unterdrücken, hat uns unserer Wurzeln beraubt. Wir müssen wieder lernen, wo sich die heiligen Aspekte des Lebens entdecken lassen und wie die intuitiven und zutiefst bedeutsamen visionären Momente zu verstehen sind, die wir alle von Zeit zu Zeit erleben. Veränderungen unserer Wahrnehmungsebenen, sei es durch „Krankheit“ oder durch Bewusstseinsverändernde Substanzen hervorgerufen, bedürfen in anderen Kulturen keiner „Behandlung“ im Sinne von Unterdrückung, sondern es braucht eine annehmende, freundliche und verständige Umwelt, die mit allem Respekt dem in einer psychischen Entwicklungsphase befindlichen Menschen begleitet. Gregory Bateson schrieb dazu, dass es den Anschein hat, als wenn ein in einer psychischen Erkrankung befindlicher Mensch einen bestimmten Weg zu durchlaufen hätte. Er ist auf eine Entdeckungsreise gegangen, die erst wieder mit seiner Rückkehr in unsere gemeinsame Realität ein Ende findet. Er kehrt in diese Welt zurück mit Einsichten, die sich von denen jener Menschen unterscheiden, die nie eine solche Reise zu bestehen hatten.

Im Unterschied zur sonstigen Haltung der gesellschaftlich etablierten „akademischen“ Psychologie, ist die wirkliche Begegnung zwischen Menschen das wichtigste Kriterium. Alle modernen Methoden der Begleitung von Menschen sind von der Wichtigkeit der Resonanz zwischen dem Begleiter und der begleiteten Person überzeugt. Dies ist am ehesten dann gegeben, wenn auch der Begleiter alle Rollen und Masken fallen lässt, sodass die „therapeutische Begegnung“ eine authentische Begegnung zwischen zwei menschlichen Wesen wird. C.G. Jung war vielleicht der erste in der westlichen Welt, der die „therapeutische Beziehung“ so auffasste und damit zu einem Begleiter wurde.

Egal ob Carl Rogers von der Notwendigkeit spricht, eine unterstützende Atmosphäre zu schaffen, um das „Selbstverwirklichungspotential“ des Klienten zu fördern, oder Fritz Perls von der grundlegenden Auffassung in der Gestalttherapie, den Menschen als sinnvolles Ganzes wahrzunehmen und die allen Individuen innewohnende Tendenz betont, ihre Erfahrungen zu integrieren und somit den Prozess der Selbstheilung anspricht; moderne Methoden des Begleitens von Menschen sind zweifellos weit über das „pathologische“ Konzept hinausgegangen. Der therapeutische Prozess wird hier nicht mehr als eine Behandlung einer Krankheit angesehen, sondern als Begleitung eines Menschen zu seiner Selbstverwirklichung (vergl. den Begriff der Individuation von C.G. Jung). Fritjof Capra beschreibt in seinem Buch „Wendezeit“, dass ein Begleiter in diesem Sinne ganz andere Qualitäten braucht, als konventionell in der Gesellschaft gesehen wird. Eine medizinische Ausbildung kann nützlich sein, ist aber keineswegs notwendig, kann auf Grund der pathologisierenden Sicht innerhalb des westlichen medizinischen Modells sogar eher hinderlich sein; und selbst die Kenntnis therapeutischer Techniken ist nicht ausschlaggebend. Die wirklich entscheidenden Attribute eines guten Therapeuten sind, so Capra, persönliche Eigenschaften, wie menschliche Wärme und Aufrichtigkeit. Er braucht die Fähigkeit zum Zuhören und Mitfühlen, sowie die Bereitschaft, an starken Erlebnissen eines anderen teilzunehmen. Außerdem kommt es ganz besonders auf den eigenen Stand der Selbstverwirklichung des Begleiters an und auf dessen Erfahrung und Spektrum seines Bewusstseins. Es braucht von daher eine Begleitung von Menschen, und dies mit voller gesellschaftlicher Unterstützung, die sich in diesen Bereichen des Geistes auskennen und der betreffenden Person zur Seite stehen können. Wir benötigen Schamanen, Menschen, die die Fähigkeit besitzen, zwischen den Welten zu wandern und die Mittler zwischen den Welten sind. Herausgelöst aus der engen Sicht, dass ein Schamane jemand sei, der mit Federkopfschmuck und stechendem Blick, nur in den letzten Reservaten der Naturvölker herumtanzt, erhält der Begriff Schamane heute in der Prozessarbeit eine neue Dimension, da hier die Chance liegt, die in der Gesellschaft bislang gespaltene Medizin (hier Körper, dort Geist/Psyche), wieder zusammenfließen zu lassen, damit daraus wieder eine ganzheitliche Heilweise entstehen kann.


Meine persönliche Reise

Auch ich kam zu einer Zeit meines Lebens mit bewusstseinsverändernden Substanzen in Kontakt. Wie viele andere Menschen meiner Generation, hatte auch ich zur „Hippizeit“ ein tiefes Interesse an den östlichen Religionen und kam darüber mit Substanzen in Kontakt, die versprachen, scheinbare Grenzen des Bewusstseins zu transzendieren. Und in der Tat habe ich damals schon in recht jungen Jahren über die Einnahme solcher Substanzen etwas erfahren, was ich später in den Schriften beschrieben gefunden habe, die sich mit Yoga und dem Potential des menschlichen Bewusstseins befassen. Manchmal wird dieser Zustand als „Samadhi“ bezeichnet. Es ist die Stufe beim Ausüben des Yoga, in der die Illusion der Individualität aufgegeben wird, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Der Zustand der entsteht, wenn man mit dem Objekt der Meditation verschmilzt und es kein Ich und Du mehr gibt. In diesen Momenten war es mir erlaubt, das unbeschreibliche Empfinden totaler Einheit und Integration zu erfahren. Subjekt und Objekt wurden eins – und es gab keine Fragen mehr.

Ich kann mich hier nur den Erfahrungen der Menschen anschließen, die auch von ihren Erfahrungen mit Bewusstseinsverändernden Substanzen berichtet haben und mit dem kollektiven Bewusstsein der Menschheit oder der ganzen Schöpfung verschmolzen. Menschen wie Aldous Huxley oder Terence McKenna und auch Jim DeKorn formulierten es ähnlich und standen vor denselben Schwierigkeiten, in einer langen Reihe mit Menschen aller Zeitalter, dieses Erleben in Worte zu fassen. Alles, was existierte, trug eine ursprüngliche „Antwort" in sich selbst und stand in vollkommener Weise mit allem anderen in nahtloser Verbindung. Eines der erstaunlichsten Elemente solcher Erfahrungen ist sicher die Einfachheit und Offensichtlichkeit eines solchen Bewusstseinszustandes; in diesen Momenten gab es völlige Klarheit. Hatte man erst einmal diese Wahrheit erfahren, wie konnte man jemals das Leben wieder auf eine andere Weise sehen?

Diese Erfahrungen in Worten auszudrücken ist nahezu unmöglich. Und diese Art von Erfahrungen sind flüchtig. Jeglicher Versuch es in Sprache zu fassen, ist nur ein geringer Abklatsch des eigentlichen Erlebens und der Versuch es zu halten, führt unweigerlich zum Verlust dieses Zustandes. Arnold Mindell beschrieb im Späteren zusammenfassend die Attribute von spirituellen Erfahrungen, als dass sie ineffable, unbeschreiblich und unsagbar sind – ohne Worte, da die mystische Erfahrung nicht wirklich erklärt werden kann, sie sind transient, flüchtig und vergänglich – nicht von Dauer, da diese Erfahrungen kommen und gehen und sie sind numinous (noetic) – fast jenseits der Sinne, da diese Erfahrungen nur ganz fein und filigran sind. Sie sind passiv – sie geschehen uns und sie sind non-lokal – sie sind verbindend und transzendierend. Was mich auch bis heute verwundert ist, wie kann ein solcher Bewusstseinszustand dem Normalbewusstsein so nahe, aber trotzdem so schwierig zu erreichen und zu halten und zu bewahren sein.

Viele Jahre danach ist ein Teil von mir auch heute noch auf der Suche nach der Möglichkeit des dauerhaften Verbleibs in einem solchen Zustand des Einsseins. Obwohl meine Zeit der Berührung mit bewusstseinsverändernden Substanzen nur relativ kurz war, hat sich dies nachhaltig auf mein Leben ausgewirkt. Nicht das etwas danach vorhanden gewesen wäre, was vorher nicht da war, der Wunsch nach tiefem Kontakt und die Suche nach dem Sinn war seit jeher tragendes Element in meinem Leben, aber ich erfuhr eine Richtung oder etwas sprach zu mir, ähnlich wie der Schamane sagen würde: der Pilz hat zu mir gesprochen. Und das, was zu mir sprach, sagte mir auch, dass dieser Weg nur für eine kurze Zeit mein Weg sein kann und dass ich andere Möglichkeiten des totalen Kontaktes und des Einsseins suchen muss.


Was ist die Realität?

Auch jetzt noch, 25 Jahre nach diesen Erlebnissen, merke ich wie schwer es mir fällt, über diese Erfahrungen zu berichten. Das Erleben ist nicht nur schwer in Worte zu fassen, es ist auch eine Hürde, sich zu dieser Art von Erfahrung zu bekennen. Es gibt immer noch einen Teil von mir, der Angst hat, dafür verurteilt zu werden. Und vielleicht wiegt diese Angst gar nicht so schwer, wie vielmehr das Gefühl, dass diese Art von Erfahrungen in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht ernst genommen wird. Wer gibt uns das Recht zu unterscheiden in das, was unserer Meinung nach real ist und dem, was uns wie ein Traum begegnet. Wer sagt, dass Träume nicht genauso real wären, wie es unser tägliches Leben ist?

Ich bekenne mich zu meinen Erfahrungen, weil ich der Meinung bin, dass diese Erlebnisse äußerst real sind und da ich mich als Student der Prozessarbeit nach Mindell und als Taoist * definiere, erfahre ich mich als in einem Sinnzusammenhang stehend zu dem mich Umgebenden und vice versa.

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* Im Grunde benennt der Begriff „Pantheist“ am ehesten meine Überzeugung, da diese Sicht zentral den Begriff der All-Einheit beinhaltet. Im Pantheismus wird Gott nicht als außerhalb oder über der Welt stehend betrachtet, sondern als in der Welt sich realisierend. Die modernen Wissenschaften, Quantenphysik und Systemtheorie, untermauern heute diese älteste Sicht des Menschen sich selbst und der Natur gegenüber.
Ich glaube, dass diese anderen Bewusstseinsebenen zu uns gehören und unser eigentliches menschliches Potential beinhalten. Diese Wahrnehmung steht uns offen, sofern wir uns dem gegenüber öffnen könnten, dass es jenseits unseres Empfindens von „bis hierher geht die Realität“, noch unendlich viel mehr gibt, als wir uns in unseren kühnsten Träumen auch nur vorstellen können. Darüber hinaus bin ich sogar der Meinung, dass das uns Umgebende ständig versucht Kontakt zu uns aufzunehmen und dass das Bestreben vieler Menschen darin liegt, diese Kontaktaufnahme des mythischen, unserer eigentlichen Natur, zu ignorieren.

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Wie es häufig ist, wenn Dinge verleugnet werden, suchen sie sich selbst einen Weg des Ausdrucks. Zum Einen findet sich auch in unserer Gesellschaft der Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen, deren Wirkung vielleicht auf Grund des mangelnden Respekts ihren Entitäten gegenüber, oder vielleicht auch auf Grund der Persönlichkeit dieser Entität eher keine wirklich bewusstseinserweiternde zu haben scheint (ich unterscheide hier zwischen bewusstseinsverändernd und bewusstseinserweiternd), und zum Anderen führt unser Verleugnen dazu, dass andere Menschen unserer Gemeinschaft die Teile leben, die wir selbst nicht wollen.

Dem Gedanken und Entdeckungen C.G. Jungs folgend, haben Gruppen von Menschen, Gesellschaften und Kulturen einen kollektiven Geist, einen verbindenden, gemeinsamen Geist. Es gibt das kollektive Bewusstsein eines Einzelnen, als auch das einer Gemeinschaft oder der ganzen Menschheit. Alle Individuen haben Anteil an diesen kollektiven Strukturen, werden von ihnen beeinflusst und formen diese zum Teil auch. Den Gedanken der Quantenphysiker folgend, ist non-lokalität innerhalb eines Feldes das herausragende Merkmal. In einem System aus Beobachter, der verwendeten Methode und dem beobachteten Objekt, sind die einzelnen Positionen austauschbar oder non-lokal. Es gibt keinen unbeteiligten Beobachter, und es ist nicht sagbar, von wo aus der Effekt der Veränderung ausgeht. Nicht nur die veränderte Position (Methode) des Beobachters verändert das beobachtete Objekt, sondern auch das beobachtete Objekt hat einen Einfluss auf den Beobachter.

Dies führt zu der Aussage, dass innerhalb eines Feldes die einzelnen Positionen nicht genau bestimmbar sind (non-lokal), sondern wechseln. Und wir wissen von der Systemtheorie und von der modernen Biologie, dass alle Entwicklung feldorganisiert ist. Organismen, komplexe, nichtlineare Systeme strukturieren sich aus eigener Kraft und entwickeln sich zielgerichtet. Im Zusammenfließen dieser Erkenntnisse entdecken wir eine neue Sicht der Dinge, die dem mechanistischen Denken keinen Raum mehr lässt. Wir teilen Bewusstsein innerhalb einer Gruppe oder einer Gemeinschaft. Der Gedanke, dass dies mein Bewusstsein ist und dies das Deine, ist in Zeiten, wo sich Quantenphysik mit uraltem schamanischem Wissen trifft, nicht mehr haltbar. Die moderne Biologie bietet uns an zu entdecken, dass jegliches Geschehen, jegliche Entwicklung feldorganisiert ist und sich teleologisch zeigt, d.h. bedeutsam und zielgerichtet. Im Abspalten und Verleugnen unserer Spiritualität und unseres mythischen Weges liegt begründet, dass wir einige wenige Menschen dazu verurteilen den Teil zu leben, den wir selbst nicht leben wollen.

Und wir tragen die Verantwortung für jegliches massiv auf uns eindringende Geschehen, sei es Gewalttätigkeit von Menschen gegen Menschen oder gegen die Natur oder der Missbrauch von Substanzen und daraus resultierende Sucht, solange wir dieses Geschehen als außerhalb von uns ansehen und nicht als abgespaltenen und verleugneten Teil unserer selbst erkennen.
Umso vehementer unser Wehren, umso massiver wird sich uns dieses Geschehen präsentieren, da es wichtig ist für jeden von uns, weil es zu uns gehört und uns zu unserer eigentlichen ganzheitlichen Natur führen will. Yin und Yang stehen nicht in Konkurrenz, sondern in Ergänzung. Nur ein Narr würde durch das Teilen eines Magneten davon ausgehen, jetzt nur noch den einen Pol, Nord oder Süd, übrig zu behalten.

Obwohl seit jeher in allen Kulturen der Gebrauch von Bewusstseinsverändernden Substanzen eine Rolle gespielt hat, meine ich nicht in Ausschließlichkeit, dass der Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen für unsere Gesellschaft nötig wäre, sondern nur, dass wir uns generell den anderen Welten und den Möglichkeiten und dem Potential der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit öffnen sollten. Ich persönlich glaube sogar, dass umso mehr wir uns diesen Welten gegenüber öffnen und unsere Träume und Visionen wertschätzen, der Gebrauch (und insbesondere der Missbrauch) von Substanzen, die unser Bewusstsein verändern, zurückgehen wird. Nur auf Grund unseres Hintergrundes des mechanistischen Weltbildes ist es uns möglich, die spirituellen Erfahrungen ganzer Zeitalter und uralter Völker als illusionär abzutun. Nur weil es uns heute möglich ist die chemische Zusammensetzung einer psychoaktiven Substanz zu beschreiben, heißt dies keineswegs, dass wir wüssten, was diese Substanz eigentlich ist und was sie bewirkt. So gesehen ist es möglich, jegliche spirituelle Erfahrung aller Menschen und aller Zeitalter als bloßes Zucken elektrischer Impulse in irgendwelchen Nervenbahnen abzutun. Dass wir dieses Geschehen auf dem EEG abbilden können, beschreibt in keinster Weise das eigentliche spirituelle Erleben des Menschen. Im Grunde geht mit dem mechanistischen Denken das spirituelle Erleben des Menschen zu Grunde.

Die Aborigines, Australiens Ureinwohner, kamen vor 60 000 Jahren nach Australien. Vor etwa 30 000 Jahren hatten sie den größten Teil des Kontinents besiedelt. Aus ihren ältesten Aufzeichnungen geht hervor, dass für die Menschen dieser Zeit, die Erde ein Lebewesen war und auch alles, was auf der Erde lebte, eine Seele hatte, jeder Stein, jede Pflanze und natürlich jeder Mensch. Seit dem es geschichtliche Aufzeichnungen von Menschen gibt, finden wir, dass die Welt für die Menschen ein belebter Organismus war und sie selbst Teil davon. Alles war auf wunderbare Weise miteinander verbunden, stand in wechselseitiger Beziehung zueinander und war untrennbar miteinander verknüpft.

Diese Sicht der Dinge, die selbstverständlich nicht nur bei den Aboriginies sondern auch in anderen Teilen der Welt, auf anderen Kontinenten und bei anderen Völkern, bei den Indianern bis hin zu unserer Kultur vorhanden war und in verschiedenster Form überliefert wurde, hat sich ungefähr bis zum 16. Jahrhundert gehalten. Wir können sehen, dass sich bis dahin die Menschen als Teil eines großen Organismus sahen, als Kinder einer großen Erdenmutter und die Menschen gingen auch dementsprechend mit ihrer Mutter der Erde um. Und im Verlauf dieser im Vergleich so kurzen Zeitspanne von gerade einmal 400 Jahren verlieren wir Menschen jeglichen direkten bewussten Kontakt zu unserem Urgrund. Alle Tendenz des Universums und der Schöpfung zur Entwicklung zwingt uns aber dazu, mit anderen Ebenen des menschlichen Potentials in Kontakt zu kommen. Natur ist grundsätzlich an Wachstum und Entwicklung interessiert. Auch wenn wir uns davor verschließen, werden die „anderen Bereiche“ unseres Seins, weiterhin Wege finden sich uns zu präsentieren und eine Auseinandersetzung erzwingen. Wenn wir es in uns selber ableugnen, werden diese Anteile außerhalb von uns erscheinen und umso mehr wir uns bemühen, die Augen davor zu verschließen, umso mehr werden diese Ebenen um unsere Aufmerksamkeit ringen.


Tat twam assi

Dieses Ringen um unsere Aufmerksamkeit findet durch Symptome, psychische wie physische, auf der einen Seite statt, aber auch durch Geschehen auf der anderen Seite, welches wir als „außerhalb von uns“ wahrnehmen. Schamanisch wie auch Quantenphysikalisch gesehen, gibt es diese Unterscheidung in innen und außen nicht. Auch das, was wir als außerhalb von uns wahrnehmen, ist ein Teil von uns. Die menschliche Reise durch das Universum beinhaltet Bereiche der Erfahrung, die jenseits des gesellschaftlichen für „wahr halten“ liegt.

Es gibt im Sanskrit einen Ausspruch der lautet: „Tat twam assi“, und heißt übersetzt soviel wie: „das bist du“. Dies ist ein Angebot zu entdecken, dass wir selbst im Gegenüber, im Anderen und im Andersartigen zu finden sind. Das wir selbst in all den Geschehnissen zu finden sind, die uns widerfahren.

Nur in unserem westlichen Denken herrscht die Vorstellung, als dass wir bedroht sein könnten von etwas außerhalb von uns liegendem. Die Schamanische Sicht zur Entwicklung innerhalb des Lebens wird vielleicht ein wenig deutlich durch folgende Beschreibung: Zuerst sind alle Dinge ungeformt, es gibt etwas Undefiniertes, Ungeborenes… dies drückt sich dann durch einen Gedanken oder durch ein inneres Lied aus, und dieser Gedanke, dieses Lied sucht sich dann einen geeigneten Ausdruck…
Dies beschreibt nach indianischer Sicht zum Beispiel auch den Weg eines Menschenkindes auf die Welt. Zuerst gibt es eine Seele… dann sucht sich die Seele zwei Menschen durch die sie sich ausdrücken kann und lässt eine Beziehung entstehen und gebiert sich dann selbst durch diese Beziehung. So gesehen gebiert sich jegliches Geschehen aus sich selbst heraus um Ausdruck zu finden. Alle „äußeren“ Geschehnisse sind für uns, für unsere Entwicklung und suchen nach Ausdrucksmöglichkeiten und Integration.

Niemand kann bis heute erklären, was Leben eigentlich wirklich ist. Es gibt nur eine Reihe von Interpretationen und Mutmaßungen, und gerade auch die etablierte Mainstreamwissenschaft und die Medizin gibt sich gerne so, als wüsste sie. Aber was Leben in Wirklichkeit ist, was hier in unserem Universum wirklich vor sich geht, entzieht sich bis heute unserer Kenntnis. Das einzige, was wir wirklich wissen ist, dass wir nicht wissen und dass das Leben magisch, mythisch und voller Geheimnisse ist.


Gesetze unserer Realität

Die Quantenphysik ist heute die Verbindung zwischen den Dingen, die die moderne Wissenschaft über ihre engen Grenzen des mechanistischen Denkens hinausführt und dem alten Wissen der Schamanen um dem Montagepunkt. Wir wissen mittlerweile, dass wir unsere Welt durch unser Bewusstsein selbst kreieren. Die Beschreibung der Schamanen der Verschiebung des Montagepunktes und der menschlichen Wahrnehmungsbänder und die Aussagen der Quantenphysiker ähneln sich auf geradezu unglaubliche Weise. Selbst das Verschieben des Montagepunktes über das menschliche Wahrnehmungsband hinaus wird in der heutigen Quantenphysik beschrieben, als dass „physikalische Gesetze“ unseres Universums ebenfalls von unserer Sicht der Realität abhängig sind. Auf Wasser zu gehen ist hiernach viel weniger absurd und „ein Wunder“ als wir im Allgemeinen glauben. Wir halten an bekannten Elementen fest, weil es einfach und gewohnt ist. Wir sind so daran gewöhnt in einem Schwerkraftfeld zu leben, weil wir wissen, dass es „psychische Probleme" erzeugen würde ohne Schwerkraft zu sein. Es ist schwer, schlafen zu gehen und sich einfach irgendwo in den Raum zu hängen und dann loszulassen und einzuschlafen… selbst „hängen“ wäre hier nicht mehr das richtige Wort.

Vielleicht hilft uns diese Vorstellung und die Erinnerung an die tibetische Meditationsformel Tat twam assi unser Empfinden von „kämpfen müssen“ und „kontrollieren müssen“ als einen Teil von uns zu erkennen, der die Welt aus einem bestimmten Blickwinkel anschaut. Manchmal, wenn wir in besonderen Momenten das Gefühl haben „EINS“ zu sein (UNIversum…, ALLeine…, all ONE…) gibt es keine Unterscheidung mehr in „innerhalb und außerhalb“, in „das bin ich und das bist du“. Und es gibt auch keine Sehnsucht mehr irgendwo hin zu gelangen oder irgendwo heraus zu kommen, weil wir alle niemals von irgendetwas weggegangen sind. Wir SIND zuhause…



Literatur:

Alan Watts
„Der Lauf des Wassers“

Arnold Mindell
„Die Schatten der Stadt“

Fritjof Capra
„Wendezeit – Bausteine für ein neues Weltbild“

Aldous Huxley
„Die Pforten der Wahrnehmung“

Jim DeKorn
„Psychedelischer Schamanismus“

Carlos Castaneda
„Die Kunst des Träumens“
„Die Kunst des Pirschens“
und weitere Bücher vom selben Autor

und der Film: „What the bleep do we know“

   
Eingestellt von*:   Rudolf Engemann
Zugeordnet: PsychotherapieKategorieIntegrative Prozessbegleitung
   
   


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