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C.G. Jung und Synchronizität 07.10.2007
  Wer war C.G. Jung und was war das Besondere seiner Arbeit? Vom mechanistischen Denken zur Frage nach dem Sinn.

  Sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit gefunden“,
sondern lieber: „Ich habe eine Wahrheit gefunden.“

Sagt nicht: „Ich habe den Pfad der Seele gefunden.“
Sagt lieber: „Ich habe die Seele auf dem Pfad wandelnd getroffen.“
Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.

Die Seele wandelt nicht auf einer Linie, noch wächst sie wie ein Schilfrohr.
Die Seele entfaltet sich wie eine Lotusblume mit zahllosen Blättern.


Khalil Gibran




C.G. Jung und Synchronizität


Vorwort

Noch immer ist die Landschaft der Begleitung von Menschen hauptsächlich geprägt von den in unserer Gesellschaft allgemein anerkannten Sichtweisen der Psychologie, die auf die Person Sigmund Freunds zurückgehen. Nur in gesellschaftlichen Randbereichen und in weniger etablierten Methoden der Begleitung von Menschen, spiegelt sich die Sichtweise einer anderen Person wieder, die neben dem „Begründer“ der westlichen Psychologie ein Schattendasein zu führen scheint. Zumindest in Deutschland geschieht es immer wieder, das wir auch als Menschen, die wir im Bereich der Begleitung von Menschen arbeiten, auf andere Menschen treffen, vielleicht sogar auf Menschen, die sich ebenso im Bereich der Begleitung von Menschen bewegen, denen die Person C.G. Jungs fast gänzlich unbekannt ist.

Das liegt zum Teil sicherlich daran, das in der akademischen Psychologie C.G. Jung und seine Forschung wenig zur Sprache kommen. Aber warum dies so ist, ist erst einmal unklar. Einige kennen vielleicht noch seinen Namen, aber wer genau war C.G. Jung und was war oder ist das Besondere seiner Arbeit?

Ich möchte im Folgenden die Person C.G. Jung vorstellen, seine Forschung und seine Sicht der Dinge ein wenig erläutern und vielleicht gelingt es mir sogar, verständlich zu machen, warum dieser Mensch in der damaligen Gesellschaft so viel weniger Anerkennung finden konnte als Sigmund Freud. Auch heute noch fällt es vielen Menschen auf Grund der gesellschaftlichen Prägung schwer, sich dieser gänzlich anderen Sichtweise C.G. Jungs vorbehaltlos zu nähern, da wir „Neuem“ grundsätzlich erst einmal sehr skeptisch gegenüberzustehen scheinen.




Wer war C.G. Jung?

C.G. Jung wurde 1875 im Schweizer Dorf Kesswill geboren. C.G. Jung und Sigmund Freud trafen sich zum ersten Mal im Jahre 1907. Und schon zu der Zeit hatte C.G. Jung auf dem Gebiet der Psychologie Bedeutendes geleistet. Was zu der Zeit niemand ahnen konnte: dieses Treffen sollte vieles in Bewegung bringen und Dinge nachhaltig beeinflussen und verändern. Spannend ist, dass C.G. Jung damals schon als er Freud zum ersten Mal traf, von einem „religiösen“ Zusammentreffen sprach und auch Sigmund Freud schien dieses Treffen mehr als gelegen zu kommen.

Er schrieb damals in einem Brief an C.G. Jung: „Ich hätte mir niemanden besseren wünschen können als dich, um meine Arbeit fortzusetzen“. Diese Aussage spiegelt meines Erachtens nach auch gleich die Essenz dieser Beziehung wider, die sich in den folgenden Jahren immer wieder zeigen sollte und dann schließlich zum offenen Konflikt zwischen Jung und Freud führte. Zuerst aber vertiefte sich die Beziehung der beiden schnell, und schon im Jahre 1908 empfahl Sigmund Freud auf dem ersten Kongress der Psychoanalytischen Vereinigung C.G. Jung zum Präsidenten dieser Institution zu wählen.

Trotz dieser ersten scheinbar sehr intensiven und intimen Zeit ihrer Beziehung, zeigte sich schnell und immer wieder die grundlegend andere Herangehensweise der beiden in der Arbeit mit Menschen. Während Freud die Meinung vertrat, dass unser unbewusstes Leben von Trieben, Instinkten und Verdrängung beherrscht wird, so betrachtete Jung das Unbewusste als schöpferische Dimension.

Schon im Jahre 1909, also gerade mal zwei Jahre nach ihrem ersten Zusammentreffen, gab es starke Spannungen innerhalb ihrer Beziehung und Freud begann Jung wegen seines Interesses an Spiritualität zu rügen.
Einmal während eines Gespräches, in dem wieder eine solche Bemerkung fiel, verspürte Jung ein glühend heißes Empfinden in seinem Zwerchfell und im selben Moment fiel ein Buch aus einem Regal. C.G. Jung bezeichnete dies als in Zusammenhang mit diesem Gespräch stehend, was Freud mit der Bemerkung: „…völliger Quatsch“ abtat.

Im Jahre 1912, mittlerweile hatte sich C.G. Jung wieder auf seine eigene Forschung konzentriert, gab es eine Begebenheit, in der C.G. Jung Freud in einem Brief auf sein ignorantes Verhalten ansprach und in der Folge als Präsident der psychoanalytischen Vereinigung zurücktrat. Diese Handlung wurde von Freud begrüßt, mit der Bemerkung: „… so sind wir ihn denn endlich los, diesen heiligen Jung und seine Nachbeter“.


Epiphanie

Nach der Trennung entwickelte C.G. Jung seine eigene Psychologie sehr viel ungehinderter und freier weiter. Er stürzte sich richtiggehend in seine Arbeit und drang immer tiefer in die verborgenen Bereiche seines oder eigentlich präziser Ausgedrückt: des Geistes ein.
C.G. Jung begann hier nämlich einen Bereich seines Geistes zu entdecken, den er später das „kollektive Unbewusste“ nannte. Er entdeckte, dass dieser Bereich der ganzen Menschheit eigen ist und fand dies beschrieben, in einer Vielzahl von Berichten, Erzählungen und Überlieferungen aus aller Welt, wie auch in Symbolen ausgedrückt, die überall in der Welt und in allen Zeitepochen zu finden sind.

Im Jahre 1916 ereignete sich dann das, was einige als den „Zusammenbruch“ von C.G. Jung interpretierten. Schon vorher sprach Jung von „Wesenheiten“ und „Geistern“, zu denen er Kontakt hatte. Dieser Kontakt intensivierte sich nun dermaßen, das er über Tage das Haus nicht verließ und das erlebte, was er später in einem seiner Werke mit dem Namen: „Sieben Reden an die Toten“ niederschrieb.
Er „empfing“, wie er später schrieb, binnen dreier Nächte eine vollständige Kosmologie des Universums. Er beschrieb, dass der menschliche Geist weit über das persönliche Unbewusste hinaus ergründet werden kann, er sprach von einer reichen Ordnung, von symmetrischen Mustern und sprach davon, dass man darüber hinaus zu einem gemeinsamen Grund kommen kann, auf dem Materie und Geist entstehen…

Vielleicht haben wir als „Neuzeitliche Menschen“ das Gefühl, als wenn dies gar nicht so etwas Besonderes sei. Entweder wir sehen die Dinge abgeklärt rational und sagen: okay, warum nicht, jeder hat mal einen „Ausklinker“… oder aber, wenn wir ein wenig „esoterisch angehaucht“ sind, sagen wir: dieser Mensch hatte so etwas wie ein Erleuchtungserlebnis, wie es in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Asien, Gang und Gebe ist.

Tatsache ist, dass die meisten Menschen, damals und vielleicht auch heute noch, geneigt sind, dieses Verhalten als „verrückt“ abzutun. Aber was heißt das? Die Welt die C.G. Jung beschrieb, war nicht verrückt, sondern höchst geordnet, mit tiefen Einsichten und Entdeckungen, die die Grundlage all seiner späteren Arbeit bilden sollte. Sein Erlebnis war eine Epiphanie, eine Erscheinung. Seine Erkenntnisse waren voller Analogien zu anderen Berichten von Menschen in anderen Teilen der Welt, zu anderen Zeiten.

Aber die Welt, die er beschrieb, war eine Andere als die der „normalen“ westlichen Menschen zu der Zeit. Sie trug einen Sinn in sich und band den Menschen ein, in ein größeres Gesamtgefüge. Und seine Erlebnisse, Erfahrungen und Schilderungen drohten das damalige etablierte gesellschaftliche Denken zu revolutionieren.

Wir Menschen neigen dazu, Dinge, die neu in unsere Wahrnehmung treten, zu ignorieren und wenn uns dies nicht gelingt, sie mit herkömmlichen Mitteln zu interpretieren bzw. zu rationalisieren. Nehmen wir zum Beispiel an, dass unsere Welt nur aus drei Farben besteht, aus Rot, Gelb und Blau. Sagen wir nun, wir begegnen der Farbe Grün… So sind wir zuerst geneigt, wenn jemand mit einem grünen Pullover an uns vorüber geht, zu denken: …war das grün? Nein, das war kein grün! Oder doch? Nein, nein, ich habe mich getäuscht, das war kein grün…

Stell dir vor, zum nächsten Weihnachtsfest, wenn alle Menschen, alle deine Verwandten beieinander sitzen, die Eltern, vielleicht die Schwiegereltern, die Onkel und Tanten… und du plötzlich fragst: …wie ist das eigentlich so, mit eurem Sex…?
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass das Gespräch so weiter geht, als wäre nichts geschehen. Dass alle so tun, als wäre nichts gewesen. War da eine Frage? Nein, da war keine Frage! Oder doch? Nein, nein, da war keine Frage…

Falls jetzt „grün“ nicht aufhört uns zu „belästigen“, dann fangen wir an zu rationalisieren und zu interpretieren… „Das ist so, weil…“, „kein Wunder, bei den Eltern…“, oder: „damals, als ich noch jung war, da hatte ich auch solche Gedanken…“

Habt ihr alle so ein wenig einen Geschmack von diesem Mechanismus?


Die Versprechen der Wissenschaft

Das, worauf ich jetzt zu sprechen kommen möchte, ist der Bereich der Analogien und Symmetrien der Jungschen Psychologie. Und insbesondere das, was C.G. Jung später Synchronizität genannt hat.

Als Synchronizität bezeichnete Jung: „Akausale durch einen Sinn verbundene Zustände“. Zuerst: was bedeutet „akausal“?

Akausal heißt soviel wie nicht-kausal. Der Begriff „kausal“ bzw. Kausalität ist ein Begriff des mechanistischen Weltbildes (oder des Newtonschen Weltbildes) und bedeutet: Kette von Ursache und Wirkung. Das heißt, dass in jedem Geschehen ein nachweisbarer materieller Grund zu finden ist. Seit der Entdeckung der universellen Gravitation von Newton trat die Wissenschaft einen Siegeszug sondergleichen an. An Stelle der bis zu dem Zeitpunkt auch bei uns im Westen vorherrschenden gesellschaftlichen Meinung, der geheimnisvollen Beziehungen und Verbindungen zwischen dem Menschen und Äußeren Geschehnissen, trat jetzt die Vorstellung von einer Kraft, die exakt gemessen werden konnte. Diese Entdeckung führte zu allen weiteren Entwicklungen der Wissenschaft, zu den Entdeckungen der Anatomie, zum Verständnis des Blutkreislaufes, zu all den Entwicklungen der Medizin… man kann sagen: dies brachte uns sogar schließlich zum Mond (wenn denn tatsächlich jemals jemand dort oben war...)

Doch in dieser „wissenschaftlichen“ Welt war kein Platz mehr für Sinn oder für „inneres Leben“, für Spiritualität und Verbundenheit. Gegen Ende des
19. Jahrhunderts war die Newtonsche Mechanik Grundlage jeder anderen Wissenschaft geworden. Selbst die menschliche Natur konnte offenbar mit dem Wirken von Instinkten und Verdrängung, mit Energieströmen und elektrochemischen Reaktionen erklärt werden. Träume und Nahtod-Erlebnisse, Erscheinungen und selbst spirituelle Erfahrungen waren plötzlich nichts anderes mehr, als ein Zucken in irgendwelchen Nervenbahnen. Vor dieser Zeit war der Mensch verbunden mit den Geschehnissen in der Natur. Der Flug eines Vogels hatte eine Bedeutung. Oder die Begegnung mit Naturerscheinungen, wie einem Wirbelsturm, oder das Auftauchen von Tierschwärmen, die Wanderung der Wale… all dies war Teil einer Beziehung, war Botschaft und Hinweis, war die Sprache der Natur zu uns Menschen, als eingebundener Teil einer größeren Ganzheit.

All dies war jetzt vergessen und die Wissenschaft propagierte, alles beherrschen und kontrollieren zu können und versprach, die Lösung des letzten Rätsels stünde unmittelbar bevor. Das letzte Rätsel, die Frage nach dem, was Leben ist, schien fast gelöst, und es sah so aus, als wenn es nur noch eine Frage der Zeit wäre, bis auch die Lösung dieses letzten Geheimnisses von den Wissenschaftlern der Natur abgerungen werden würde. Der Tod schien fast besiegt… die Wissenschaftler versprachen, dass sie alle Krankheiten werden eliminieren können… irgendwann… und ewiges Leben stand unmittelbar bevor…
Und hinein in diese Zeit kamen nun solche Menschen wie C.G. Jung und andere und sprachen von Akausalität, von durch Sinn verbundenen Geschehnissen.

„Grün“ war auf einmal da und störte ganz gewaltig!


Freundschaft

C.G. Jung war gut befreundet mit Wolfgang Pauli, einem Physiker, der im Jahre 1900 in Wien geboren wurde. Auch Pauli beschäftigte sich mit der Koinzidenz zweier oder mehrerer kausal nicht verknüpfter Ereignisse und beschrieb in seinen Arbeiten einen Sinnzusammenhang in Geschehnissen.

Gesellschaftlich gesehen war Pauli zu der Zeit ebenso unbeliebt in gewissen Kreisen wie C.G. Jung, und es wurden Geschichten erzählt von Pauli, die von Zusammenhängen berichteten, von seiner Gegenwart und „unerklärlichen“ Geschehnissen in den Laboren der Wissenschaftler. Von platzenden Reagenzgläsern und defekten Messgeräten wenn er hereinkam, war die Rede. Zu der Zeit war der so genannte „Pauli-Effekt“ in aller Munde und überall in den etablierten Wissenschaftskreisen wurde darüber gespöttelt. Dies deutet ein wenig den Ruf an, den Pauli seinerzeit genoss.

Es dauerte dann noch eine Weile, bis Wolfgang Pauli und ein weiterer Freund von ihm, Werner Heisenberg, zusammen mit anderen namhaften Wissenschaftlern, wie Albert Einstein und Erwin Schrödinger mit ihren Forschungen und Erkenntnissen, die Wissenschaft vollständig auf den Kopf stellen sollten.

Die Beziehung von Wolfgang Pauli und C.G. Jung begann, als Pauli wegen schlecht vorbereiteter Vorlesungen als Professor an der Universität für theoretische Physik in Zürich zunehmend in Schwierigkeiten geriet. Er war immer schon für seine zwar intelligente, aber beißende Kritik bekannt und hatte von daher auch wenig Einbindung in das gesellschaftliche Geschehen. Als Neunundzwanzig-jähriger heiratete er eine im Kabarett auftretende Gelegenheitssängerin, die ihn einige Wochen später wieder verließ. Zu der Zeit war er bereits ein starker Trinker und wurde sogar wegen einer Schlägerei aus einer Bar geworfen. All dies brachte sein Leben derart in Unordnung, dass er schließlich zu C.G. Jung in die Praxis ging.

Für Pauli hatte dies den Effekt, dass er über die kommende Zeit sein Leben allmählich wieder auf die Reihe bekam und sich weiter mit Symmetrien und Harmonien beschäftigte, und für C.G. Jung war dies eine Möglichkeit, um gemeinsam mit seinem neuen Kollegen auch auf physikalisch wissenschaftlicher Ebene seine Forschungen weiter zu betreiben. Zeit ihres Lebens, bis zum Tode Paulis im Jahre 1958, waren beide freundschaftlich miteinander verbunden und eröffneten einen Dialog zwischen der Physik und der Psychologie, der im Späteren von Arnold Mindell, dem Begründer der Prozessarbeit, dann aufgegriffen und weiter fortgeführt werden sollte.


Synchronizität

Was sind denn nun Synchronizitäten? Was bedeutet dies nun, anzuerkennen, dass es Geschehnisse gibt, die nicht kausal, sondern durch einen Sinn miteinander verbunden sind?

Von C.G. Jung gibt es viele Berichte über Synchronizitäten. Eine der bekanntesten Begebenheiten ist wohl die Geschichte mit dem Skarabäuskäfer. Jung hatte schon einige Zeit mit einer Patientin gearbeitet, die er als recht verschlossen und schwierig beschrieb, als eines Tages diese Patientin ihm während einer Sitzung einen Traum schilderte, den sie letzte Nacht gehabt hatte, in dem ein goldener Skarabäuskäfer vorkam. Während sie darüber sprachen und die Patientin ihren Traum schilderte, hörten beide ein Geräusch am Fenster. Jung stand auf um nachzuschauen und fand auf der Fensterbank einen goldenen Skarabäuskäfer, den er in die Hand nahm und der Patientin zeigte, mit den Worten, dass dies vielleicht der Käfer aus dem Traum sei…

Die folgende Entwicklung in der Behandlung der Frau beschrieb Jung als bemerkenswert. Die anschließende Besserung der Patientin und auch ihre zunehmende Öffnung und Teilnahme am Leben führte Jung darauf zurück, dass diese Frau sich auf einmal wieder als ein eingebundener Teil eines größeren Gesamtgeschehens empfinden konnte. Das Umgebende sprach zu ihr. Das Leben hatte wieder einen Sinn und alle darin enthaltenen Geschehnisse standen in einem Bezug, in einem Sinnzusammenhang zu ihr.

C.G. Jung nahm an, dass es die Wiederentdeckung des Sinns war, was diese bemerkenswerte Veränderung bewirkte. In dieser Frau damals, wie in vielen Situationen, die immer wieder aktuell in unserer alltäglichen Arbeit mit Menschen in unseren Praxen geschehen. Der Mensch erfährt sich als eingebundener Teil eines größeren Gesamtgeschehens und findet zu einem Sinn innerhalb seines Lebens und seines Erlebens und dies führt zu bemerkenswerten Veränderungen seiner Körperlichkeit und seiner Psyche. Wir werden im Späteren noch sehen, wie diese Zusammenhänge zwischen Kommunikation der Teile untereinander und Isolation und Ausgrenzung zur Beeinträchtigung der Befindlichkeit eines Menschen, eines Systems, führen können, aber ich glaube, wir alle können es schon irgendwie spüren, dass dies etwas Wesentliches in der Arbeit mit Menschen ist.


Serialität

Die Beobachtung von unerklärlichen Zusammenhängen in der Natur reichen schon viel weiter zurück. Einer der ersten, die sich mit diesen Vorfällen wissenschaftlich beschäftigte, war ein Biologe namens Kammerer. Schon um die Jahrhundertwende beobachtete der Österreicher „Gleichzeitigkeiten“ und Ereignisbündelungen, ein Phänomen, welches er „Serialität“ nannte. Geschehnisse und Ereignisketten, die über eine Zeit auftreten und in denen gewisse Muster erkennbar sind, die sich wiederholen und in „Bündeln“ auftreten. Wir alle kennen solche Situationen, wenn sich ein bestimmter Name zum Beispiel immer wiederholt. Wir hören ihn in einem Gespräch und später sitzen wir im Bus und lesen diesen Namen innerhalb eines Textes auf einer Reklametafel. Abends vor dem Fernseher hören wir ihn vielleicht noch in den Nachrichten und in der nächsten Woche bekommen wir einen Anruf von einem alten Schulfreund, der eben genau diesem Namen trägt.

Oder das klassische Beispiel der werdenden Mutter, die vielleicht noch gar nicht um ihre Schwangerschaft weiß und auf einmal überall Kinderwagen sieht. (Das ganze gibt es analog auch bei den Männern, wenn es sich um den Kauf eines Autos, um eben genau diese Automarke dreht, die dann auf einmal überall herumfährt…)

Was die Unterscheidung ausmacht, zwischen der Serialität, die Kammerer beobachtete und der Synchronizität C.G. Jungs, ist der Sinnzusammenhang, mit denen diese Ereignisse in Zusammenhang zum Erlebenden stehen. Dem Menschen geschehen diese Ereignisse aus einem bestimmten Grund, ohne dass kausal, also allgemeingültig nachvollziehbar, ein Beweggrund dafür vorhanden wäre. Der Sinnzusammenhang erschließt sich immer nur dieser Person. Wir alle kennen auch solche Ereignisse und wissen im Allgemeinen sehr genau, warum genau dies uns zugestoßen ist, wenn vielleicht auch nicht immer unmittelbar oder auf völlig bewusster Ebene.

Hierin, in all diesen Beschreibungen, zeigte sich erstmals wieder für die westliche wissenschaftliche Welt die integrative Tendenz des Universums. Es zeigte sich verbindend und umfassend. Das Universum zeigte sich zielgerichtet oder, wie wir auch sagen, organizitär in seiner Entwicklung. Es zeigte sich auch partizipatorisch, also anteilnehmend, und es wurde deutlich, dass das Geschehen in der Welt auf tiefster beobachtbarer Ebene intelligent ist und einen Sinn verfolgt, auch wenn der Sinn sich nicht für alle Menschen gleichermaßen erschließt.

Und dies revolutionierte das gesellschaftlich vorherrschende Weltbild. Genau genommen bis in die heutige Zeit hinein. Obwohl die Beobachtungen und Forschungen dieser Menschen schon über hundert Jahre zurückliegen und in der Zeit bis heute, in anderen Bereichen der Wissenschaft, weitere das mechanistische Denken noch viel stärker erschütternde Erkenntnisse gewonnen wurden, zeigt sich bislang wenig davon gelebt in der Gesellschaft. Die Menschen kranken weiter an dem Empfinden der Sinnlosigkeit und es scheint, als wenn die Macht des mechanistischen Denkens sie weiterhin gefangen halten wollte.

Noch niemals zuvor in der Geschichte unserer Welt gab es eine Gesellschaft, die so absolut auf den Prinzipen des mechanistischen Denkens aufgebaut war und deren gesellschaftliches Funktionieren bis in die kleinsten Verästelungen damit verknüpft ist. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, auch innerhalb der westlichen Gesellschaft, die sich wieder zurückfinden, zurückbinden (lat. religio) und sich als Teil eines größeren Gesamtgeschehens erfahren und ihre Handlungen darauf abstimmen. Nur sehen sich diese Menschen nach wie vor, ähnlich wie Kammerer, C.G. Jung und Pauli, konfrontiert mit all der Ablehnung und all der Ignoranz, mit der Menschen auf „weltbilderneuernde“ und erweiternde Geschehnisse und Erkenntnisse reagieren.



Montagepunkt

Der Begriff, der für uns Prozessbegleiter für diesen Bereich eine Relevanz hat, nennt sich „Konsensusrealität“ und ist ein Begriff der Prozessarbeit von Arnold Mindell. Angelehnt ist dieser Begriff an das Wort „Montagepunkt“, ein Begriff´, der in der schamanischen Terminologie Carlos Castanedas Verwendung findet. Der Begriff Konsensusrealität bezeichnet den Teil der Wirklichkeit, über den es innerhalb der Gesellschaft so etwas wie einen Konsens, eine Übereinkunft gibt. Es ist eine geteilte Wirklichkeit. Bereiche innerhalb der Konsensusrealität sind etabliert und anerkannt, man „geht davon aus“ und über vieles macht man sich kaum noch Gedanken.

Es ist wie ein großer Bühnenscheinwerfer, der einen Teil der Bühne eines Theaters beleuchtet, der für „die Realität“ gehalten wird. Alles andere, welches von diesem Scheinwerfer nicht erfasst wird, ist nicht existent (ist „grün“) und wird mit den Mechanismen belegt, von denen wir Eingangs sprachen (Ignoranz oder Interpretation). Konsensusrealität bezeichnet also einen Teil der Wirklichkeit und durch diese Übereinkunft wirkt dieser Ausschnitt, als sei es die Wirklichkeit. Der Begriff des Montagepunktes geht aber noch einen Schritt weiter. Benennt er doch eine allgemein menschliche Ebene der Wahrnehmung, über gesellschaftliche Grenzen und selbst über kulturelle Grenzen hinaus, die für die Abbildung und Wahrnehmung dessen, was wir als Realität empfinden, verantwortlich ist. Eine allgemein menschliche Übereinkunft, eine Ausrichtung der menschlichen Wahrnehmung, die dazu führt, dass wir die Dinge so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen. Aus einer (unendlichen) Vielzahl von Wahrnehmungsmöglichkeiten greifen wir als Mensch sozusagen ein Bündel heraus und generieren daheraus unsere „Wirklichkeit“.

In den schamanischen Lehren ist der Montagepunkt aber nicht nur für die Wahrnehmung dieses Teils der Wirklichkeit zuständig, sondern sorgt auch für all die physischen „Gesetzmäßigkeiten“ mit der sich dieser Teil der Wirklichkeit in uns, und in Abhängigkeit davon um uns herum, abbildet. So ist für die Schamanen auch die Gravitation oder unsere Körperlichkeit und all die anderen von uns als so fest und unabdingbar real empfundenen Bereiche unsere Welt nur ein Teil der wirklichen Wirklichkeit. Die Welt aus diesem Blickwinkel gesehen ist unendlich viel mehr als unser physischer und psychischer „Abbildungs-Apparat“ uns jemals wird zeigen können.

Spannend ist, dass auch in der Wissenschaft mittlerweile davon ausgegangen wird, dass diese Welt, dieses Universum nur eines von vielen, von unendlich vielen parallelen Universen ist, die nicht alle zwingend auf denselben physikalischen Grundgesetzen basieren müssen. Das heißt, es scheint andere „Wirklichkeiten“ zu geben, die völlig anders aufgebaut sein können, mit anderen „Naturgesetzen“, die den unseren vielleicht sogar konträr gegenüberstehen können.

Die Schamanen unterscheiden zwischen verschiedenen Möglichkeiten, den Montagepunkt für die Wahrnehmung der jeweiligen Wirklichkeiten zu verschieben: von der „leichten Verschiebung“, die zur Wahrnehmung anderer Wirklichkeitselemente führt, bis hin zu „starker Verschiebung“, welches bis zum Verlust der menschlichen Form führen kann und den Menschen auf gänzlich andere Wahrnehmungsebenen führt, die weit jenseits des in diesem Universum angesiedelten menschlich Vorstellbaren liegen.


Moderne Forschung

Die heutige Wissenschaft ist viel weiter davon entfernt, die letztendliche Frage zu beantworten, was Leben ist, als wir bislang dachten. Im Moment ist es so, dass in Bereichen der Wissenschaft, zum Beispiel in der Quantenmechanik, uns jede neue Entdeckung in Bereiche hineinführt, die alles bisher Gedachte und Vorgestellte völlig revolutioniert. Da stehen Partikel miteinander in Verbindung, die mit weit über Lichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren (EPR Paradoxon), welches heute bereits in der Kryptografie Anwendung findet. Da gibt es Teilchen, die sich der Bestimmung widersetzen, Materie oder reine Schwingungsenergie zu sein (Doppelspaltexperiment). Da werden mittlerweile Elementarteilchen in Nullzeit durch den Raum „teleportiert“ (Experiment von Anton Zeilinger 1997). Da sind Beobachter, die Methode und das beobachtete Element, non-lokale Phänomene und der Impuls zur Beobachtung geht erstaunlicherweise vom beobachteten Element aus.

All dies ist viel weiterführender und komplexer, als dass wir wieder einmal annehmen könnten, wir wüssten jetzt, wie das Universum aufgebaut ist. Die Geschwindigkeit mit der wir neue Erkenntnisse gewinnen, potenziert sich in immer kleineren zeitlichen Abständen, und die moderne Wissenschaft dringt immer schneller in unvorstellbare und phantastische Bereiche ein. Die Erkenntnisse sind so weitreichend und wirken so verstörend auf das momentan noch allgemein gültige und in der Gesellschaft herrschende Weltbild, dass sich die Wissenschaftler auf einem Kongress in Stockholm geeinigt haben, keine Erkenntnisse und keine Interpretationen, was den Wirklichkeitscharakter unseres Weltbildes angeht, mehr in die Öffentlichkeit zu geben, was natürlich (und glücklicherweise) so nicht funktioniert.

Das Universum will beobachtet, will angesehen und erkannt werden. Das Universum will sich selbst erkennen. Albert Einstein, der im Alter, zum Ende seiner Forschung, selbst Schwierigkeiten hatte, das in aller Tragweite anzuerkennen, was er im Laufe seines Lebens entdeckt hat, bekam von John Wheeler, dem Endecker der schwarzen Löcher, eine Skulptur geschenkt, von einem Wal, der auf seinen eigenen Schwanz blickt, der sich selbst anschaut.

Damit ist vielleicht die einzige Antwort gegeben, die wir bislang zu geben in der Lage sind: die Natur, der Mensch, das gesamte Universum ist ein „Bewusstwerdungs-prozess“ und will sich selbst erkennen. Aber die Fragen, deren Antwort uns die etablierte Wissenschaft stets versprochen hat, sind nach wie vor ungelöst.
Vielleicht sind wir weiter von den Antworten entfernt, als jemals zuvor: Was ist der Mensch? Was ist Leben? Was ist das, was uns alle umgibt und miteinander verbindet? Was ist Körperlichkeit? Was ist der Tod?

Wir wissen es nicht! Was wir aber mittlerweile wissen, ist, dass es nicht das ist, was wir glaubten, das es ist und vielleicht lässt uns dies ein wenig innehalten, vielleicht führt uns diese Erkenntnis dazu, dem „grün“ ein wenig offener zu begegnen.



Literatur:


C.G. Jung
Psychologie und Alchemie (Gesammelte Werke) Walther

William McGuire (Hrsg.)
„Briefwechsel“ (Sigmund Freud und C.G. Jung) S. Fischer

F. David Peat
„Synchronizität“ Goldmann
„Der Stein der Weisen“ Hoffmann und Campe

Arnold Mindell
„Den Pfad des Herzens Gehen“ Vianova
„Traumkörper Arbeit oder Der Lauf des Flusses“ Jungfermann

Paul Watzlawick
„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Piper

Carlos Castaneda
„Die Kunst des Träumens“ S. Fischer
„Das Wirken der Unendlichkeit“ S. Fischer
   
Eingestellt von*:   Rudolf Engemann
Zugeordnet: PsychotherapieKategorieIntegrative Prozessbegleitung
   
   


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