Aristoteles definiert Rhetorik als „Fähigkeit bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende (pithanon) zu betrachten.“ Er nennt sie ein Gegenstück (antistrophos) zur Dialektik. Denn ebenso wie die Dialektik ist die Rhetorik ohne abgegrenzten Gegenstandsbereich, sie verwendet dieselben Elemente (wie Topen, anerkannte Meinungen und insbesondere Deduktionen) und dem dialektischen Schließen entspricht das auf rhetorischen Deduktionen basierende Überzeugen. Rhetorik kommt im Griechenland des vierten Jahrhunderts, insbesondere in der Volksversammlung und den mit durch Los bestimmten Laienrichtern besetzten Gerichten des demokratischen Athens eine herausragende Bedeutung zu. Es gibt zahlreiche Rhetoriklehrer und Rhetorikhandbücher kommen auf. Aristoteles' dialektische Rhetorik ist eine Reaktion auf die Rhetoriktheorie seiner Zeit, die – wie er kritisiert – bloße Versatzstücke für Redesituationen bereitstellt und Anweisungen, wie man durch Verleumdung und Emotionserregung das Urteil der Richter trüben kann. Der Kern seiner dialektischen Rhetorik dagegen besteht in der Auffassung: Wir sind dann am meisten überzeugt, wenn wir meinen, dass etwas bewiesen worden ist. Dass die Rhetorik sachorientiert sein und das jeweils in der Sache liegende Überzeugungspotential entdecken und ausschöpfen müsse, drückt sich auch in der Gewichtung der drei Überzeugungmittel:
- Charakter des Redners,
- emotionaler Zustand des Hörers und
- Argument
aus, von denen er das Argument für am wichtigsten hält.
Unter den Argumenten unterscheidet Aristoteles das Beispiel – eine Form der Induktion – und das Enthymem – eine rhetorische Deduktion, wobei wiederum das Enthymem wichtiger als das Beispiel ist. Das Entyhmem ist eine Art der dialektischen Deduktion; es unterscheidet sich von diesem aufgrund der rhetorischen Situation aber dadurch, dass seine Prämissen nur die anerkannten Meinungen sind, die von allen oder den meisten für wahr gehalten werden. (Die verbreitete, kuriose Ansicht, das Enthymem sei ein Syllogismus, in dem eine der zwei Prämissen fehle, vertritt Aristoteles nicht; sie basiert auf einem schon in der antiken Kommentierung belegten Missverständnis von 1357a7ff.)
Der Redner überzeugt demnach die Zuhörer, indem er eine Behauptung (als Konklusion) aus den Überzeugungen (als Prämissen) der Zuhörer herleitet. Die Konstruktionsanleitungen dieser Enthymeme liefern rhetorische Topen, z.B.:
„Ein weiterer (Topos ergibt sich) aus dem Eher und Weniger, wie zum Beispiel: 'Wenn schon die Götter nicht alles wissen, dann wohl kaum die Menschen.' Denn das bedeutet: Wenn etwas dem, dem es eher zukommen könnte, nicht zukommt, dann ist offensichtlich, dass es auch nicht dem zukommt, dem es weniger zukommen könnte.“
An den zeitgenössischen Rhetoriklehrern kritisiert Aristoteles, dass sie – die Argumentation vernachlässigend – ausschließlich die Emotionserregung thematisierten und dass diese durch Verhalten wie Jammern oder Mitbringen der Familie zur Gerichtsverhandlung erreicht würde und dabei ein sachbezogenes Urteil der Richter verhindert werde. Aristoteles' Theorie zufolge können nun alle Emotionen definiert werden, indem drei Faktoren berücksichtigt werden, indem man fragt:
(1) Worüber,
(2) wem gegenüber und
(3) in welchem Zustand empfindet jemand die jeweilige Emotion?
So lautet die Definition von Zorn:
„Es soll also Zorn ein mit Schmerz verbundenes Streben nach einer vermeintlichen Vergeltung sein für eine vermeintliche Herabsetzung einem selbst oder einem der Seinigen gegenüber von solchen, denen eine Herabsetzung nicht zusteht.“
Wenn der Redner mit diesem Definitionswissen den Zuhörern deutlich machen kann, dass der entsprechende Sachverhalt vorliegt und sie sich im entsprechenden Zustand befinden, empfinden sie die entsprechende Emotion. Sofern der Redner mit dieser Methode bestehende Sachverhalte eines Falles hervorhebt, lenkt er hierbei nicht – wie bei den kritisierten Vorgängern – von der Sache ab, sondern fördert nur dem Fall angemessene und verhindert somit unangemessene Emotionen. Schließlich sollte der Redner aufgrund seiner Rede für die Zuhörer glaubwürdig, d. h. tugendhaft, klug und wohlwollend erscheinen.
Die sprachliche Form dient ebenfalls einer argumentativ-sachorientierten Rhetorik. Denn Aristoteles definiert ihre optimale Form (aretê) dadurch, dass sie
(a) primär klar, zugleich aber (b) weder banal noch zu erhaben ist.(b) soll dabei das Interesse, die Aufmerksamkeit und das Verständnis fördern und angenehm sein. Unter den Stilmitteln erfüllt insbesondere die Metapher diese Bedingungen.